Mut zum Nicht-Verstehen

Jetzt studiere ich ja doch schon eine ganze Weile (bin im 2. Semester meines Masterstudiums) und doch passieren manchmal Dinge oder MitstudentInnen sagen Sachen zu mir, die mich überraschen.

Genau sowas ist mir heute mal wieder passiert: Ich wurde heute dafür bewundert, dass ich es doch tatsächlich wage, es ehrlich zu sagen, wenn ich mal bei einem Fachtext eine bestimmte Stelle nicht verstehe.

Ich wusste tatsächlich nicht, dass das so ein bewundernswertes Verhalten ist. Aber scheinbar doch, denn meine beiden Kommilitoninnen waren sich da sofort einig. Sie meinten es würde viel Selbstvertrauen brauchen, um mal laut zu sagen, was sich offenbar viele denken:
„Ich verstehe einfach nicht, was der Autor an dieser Stelle sagen will, obwohl ich den Text schon mehrfach gelesen und mich gedanklich intensiv damit auseinandergesetzt habe. Warum bringt er jetzt genau da kein Beispiel oder beschreibt es so, dass man es einfach besser verstehen kann?!“

Tatsächlich habe ich schon mehrfach die Erfahrung gemacht, dass wenn ich diesen Standpunkt mal in einem Seminar geäußert habe, plötzlich andere dies bestätigen und auch zugeben, dass sie an dieser Stelle Verständnisprobleme hatten. Warum also sagt es dann keiner?

Ist es wirklich so, dass man als StudentIn immer nur an sich selbst und seiner Fähigkeit etwas zu verstehen zweifeln muss oder ist es womöglich doch erlaubt einen Experten bzw. seinen Fachtext zu kritisieren und zu sagen, dass das eigene Unvermögen den Text zu verstehen nicht am eigenen Mangel an Vermögen liegt, sondern an der Ausdrucksweise des Autors? Warum sollte ein Text, nur weil er von einem Fachmann verfasst wurde, zwangsläufig verständlich sein? Vielleicht ist er es eben deswegen nicht.
Ich schließe da jetzt mal ganz banal von mir selbst auf andere Schreibende:
Mir geht es oft so, dass ich mich so intensiv und umfangreich in eine Thematik einarbeite, dass ich am Ende, beim Schreiben der Arbeit, manches so formuliere, dass es mir absolut verständlich erscheint, dass aber jemand, der nicht meine Recherchen ebenso im Kopf hat wie ich, damit überhaupt nichts anfangen kann. Ich gehe mal davon aus, dass zumindest ein Großteil der Fachtexte, die man während des Studiums liest, von Leute verfasst wurden, die sich sehr sehr intensiv mit einem Thema auseinandergesetzt haben. Man könnte also vermuten, dass es ihnen ähnlich geht wie mir. Beim Niederschreiben ihrer Gedanken für den Rest der Welt, vergessen sie gelegentlich, dass nicht alle genau dasselbe wissen, wie sie.
Ja, der Einwand, dass man natürlich ein bisschen Wissen drum herum braucht um einen Fachtext überhaupt verstehen zu können, ist klar. Aber das meine ich nicht. Ich meine ganz bestimmte Ausschnitte von einzelnen solchen Texten. An einzelnen Stellen haben diese Autoren, durchdrungen von ihrem eigenen Vorwissen bzw. vor allem ihren ganz persönlichen Gedankengängen zu ihrem Thema, aus den Augen verloren, dass die Leser später nicht genau ihr Gedankengerüst zur Verfügung haben, um ihren Text zu verstehen.

Ich denke genau diese Problematik ist es, die bei StudentInnen gelegentlich diese Verständnisprobleme verursacht, obwohl sie sehr bemüht sind sich umfassend zu informieren und ein Thema intensiv zu durchdenken. Und bei all dem sollten wir und unsere Dozenten nicht vergessen, dass wir ja eben noch Studenten sind. Wir lernen noch. Wir haben noch nicht dieses umfangreiche Wissen, das man nach jahrzehntelanger Auseinandersetzung mit einem Thema erworben hat.

Einfach nur zwecks der Entspannung appelliere ich also an alle Studenten, es auch mal zuzugeben, wenn man etwas nicht versteht!
So erspart man dies womöglich jemandem, der dasselbe Problem hat, aber eben partout  nicht dazu in der Lage ist so zu handeln, und erleichtert es dem Dozenten auf seine Kursteilnehmer einzugehen und ihnen verstehen zu helfen. Denn oft ärgert man sich nach der Stunde, weil der Dozent jetzt genau das, was man nicht verstanden hat, auch nicht erklärt hat. Aber vielleicht war es ihm auch total klar – wie dem Autor – und deswegen ist er gar nicht auf die Idee gekommen darauf noch einmal speziell einzugehen. Man muss seinen Dozenten als Student auch helfen, damit sie gut unterrichten können.

Ich denke also man hilft mit solchem „Mut zum Nicht-Verstehen“ nicht nur sich selbst, sondern auch vielen Menschen in seiner Umgebung. In meinen Augen ist es also richtiggehend sozial es zuzugeben, wenn man etwas nicht verstanden hat; natürlich nur, nachdem man es auch wirklich ernsthaft versucht hat. Denn trotz allem gilt: Ohne Fleiß, kein Preis!

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Eine Antwort zu Mut zum Nicht-Verstehen

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